Siena – Battistero
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Das Battistero von Siena beeindruckt mit seiner Lage unter dem Domchor und seinem prachtvollen Renaissance-Taufbecken. Über eine breite Treppenanlage erreicht man die Piazza San Giovanni, auf der sich – scheinbar wie eine zweite Fassade des Doms – der Eingang zur Taufkirche erhebt. Dieser Eindruck täuscht nicht, denn das Baptisterium ist tatsächlich Teil desselben Bauplans, jedoch in ungewöhnlicher Lage. Es befindet sich unterhalb des Chores des Doms, als wäre es in ein riesiges architektonisches Fundament eingebettet.

Das kunstvolle Taufbecken zeigt fein gearbeitete Reliefs und zählt zu den bedeutendsten Skulpturen der italienischen Frührenaissance.
Die Entstehung dieses Bauwunders geht auf eine Erweiterungsphase des Doms im 14. Jahrhundert zurück. Der Chor war so weit nach hinten geplant, dass er den natürlichen Baugrund überragt hätte. Um das ehrgeizige Projekt dennoch zu realisieren, entschied man sich, das Baptisterium gewissermaßen in den Hang zu setzen und gleichzeitig als stützende Struktur für den hoch aufragenden Domchor zu nutzen. Damit entstand ein zweigeschossiges Sakralensemble, in dem Kunst und Statik auf beeindruckende Weise zusammenwirken.

Das wertvollste Kunstwerk der Battistero San Giovanni ist das Taufbecken von Sienas berühmtesten Bildhauer Jacopo della Quercia
Gewölbe und Raumwirkung
Der Innenraum des Battistero ist geprägt von einem gewaltigen, von massiven Pfeilern getragenen Gewölbe. Dieses musste so stark dimensioniert sein, dass es das Gewicht des Chors und weiterer Bauteile darüber zuverlässig tragen konnte. Die Kraft und Monumentalität dieser Konstruktion spürt man noch heute: Der Besucher steht in einem Raum, der zugleich Unterbau, Taufkirche und eigenständiges Kunstwerk ist.
Trotz seiner baulichen Funktion als „Fundament“ entwickelt das Baptisterium eine beeindruckende ästhetische Wirkung. Die Wände und Gewölbeflächen sind reich mit Fresken geschmückt, die thematisch an das Sakrament der Taufe und an zentrale Stationen der christlichen Erlösungsgeschichte anknüpfen. Farben, Goldtöne und erzählerische Szenen verleihen dem Raum eine feierliche, fast mystische Ausstrahlung.
Das Taufbecken – ein Meisterwerk der Renaissance
Im Zentrum des Battistero steht eines der kostbarsten Kunstwerke Sienas: das sechseckige Taufbecken, geschaffen von Jacopo della Quercia und weiteren herausragenden Künstlern der Frührenaissance. An seiner Entstehung wirkten auch Donatello und Lorenzo Ghiberti mit, deren Namen zu den bedeutendsten der italienischen Kunstgeschichte zählen.
Das Becken besteht aus Marmor und Bronze und zeigt in seinen Reliefs Episoden aus dem Leben Johannes des Täufers. Donatellos berühmte Bronzeplatte der „Taufe Christi“ gilt als eines der frühesten Werke, in denen sich der neue naturalistische Stil der Renaissance klar abzeichnet. Die feinen Gewandfalten, die räumliche Tiefenwirkung und die lebendige Körpersprache der Figuren setzen Maßstäbe, die weit über Siena hinaus wirkten.

Die Fresken der Apostel im Battistero strahlen in lebendigen Farben und verleihen dem Raum eine eindrucksvolle spirituelle Präsenz.
Kunst und Architektur in Harmonie

Die Taufkirche liegt im Unterbau des Doms und wurde im Jahre 1316 als Stütze für die Domerweiterung errichtet.
Der gesamte Innenraum des Baptisteriums zeigt, wie eng in Siena Kunst und Baukunst miteinander verschmolzen. Die Freskenzyklen, die Skulpturen und die harmonische Proportion des Raums sind sorgfältig aufeinander abgestimmt und entfalten gemeinsam eine Wirkung, die sowohl spirituell als auch künstlerisch tief berührt. Jeder Abschnitt der dekorierten Wände erzählt eine eigene Geschichte, die sich mit dem religiösen Zweck des Ortes verbindet und den Betrachter in eine Welt mittelalterlicher Frömmigkeit eintauchen lässt.
Die ungewöhnliche bauliche Situation – ein Sakralraum unter dem Chor eines anderen Sakralraums – macht das Battistero San Giovanni zu einem architektonischen Unikat. Dieses Zusammenspiel von Statik und Ästhetik verleiht dem Gebäude eine besondere Spannung. Zugleich ist es ein Ort, an dem die künstlerische Blüte Sienas im 14. und 15. Jahrhundert in konzentrierter Form sichtbar wird: von den prachtvollen Fresken bis zum berühmten Taufbecken, das das Battistero zu einem der wertvollsten Kunstschätze der Stadt macht.























